21.12.2018 Kliniktagebuch - Wochenausklang, Körpertherapie, Fertigkeitentraining, Einzeltherapie

Kliniktagebuch 21.12.2018

Der Tag beginnt unter Hochspannung. Meine Gedanken sind noch immer bei dem Sitzball.

Der Wochenausklang beschäftigt sich heute mit dem Thema "Was habe ich in dieser Woche geschafft und wie wird mein Wochenende aussehen." Beide Therapeuten saßen sehr bequem auf ihren Stühlen. Einer hatte noch sein Knie umschlungen. Für mich ging das gar nicht. Ich konnte nicht anders und bat ihn, doch seine Bein runter zu nehmen, was er sofort tat. Ich hatte geschafft, zu sagen wo ich eine Veränderung brauchte, um konzentriert zu bleiben.

Heute galt es eine gelöste Aufgabe zu benennen. "Ich habe es geschafft Kontakte zu einzelnen Gruppenmitgliedern aufzunehmen und bin dankbar für die super positiven Rückmeldungen dieser. Ich freue mich auf das Wochenende und meinen Sohn", war mein Beitrag.

 

Körpertherapie

Heute lag ein dicker Teppich im Raum und darauf standen Sitzstühle und ein Sitzball war auch da. Der war sofort meine. Nein, diese ebenerdigen Sitzstühle waren nicht mein Ding. "Ich habe den Ball extra für sie hingelegt, weil ich gehört habe, dass ihnen das eventuell hilft. Es hilft wirklich. Ich bin erstaunt", begrüßte mich die Therapeutin. Ich war ihr sehr dankbar dafür.

In der Mitte des Kreises lag ein beleuchteter Fröbelstern. Er war weiß mit Kleeblättern darauf, was mir sehr gefiel. Die Therapeutin forderte zu Beginn alle auf, in sich hinein zu spüren, Ruhe zu finden und in einem Wort zu sagen wie wir gerade im Raum waren. Ich brauchte 2 Wörter, "POSITIV ANGESPANNT".

Wer wollte konnte sich noch eine Kuscheldecke holen. Einige taten das. Der Anblick der eingekuschelten Patienten irritierte mich. Einerseits fand ich es schön, dass sie so loslassen konnten und wünschte mir dies auch zu können. Andererseits war es für mich keine ordentliche Sitzhaltung. Oh je.

Ich saß auf meinem weichen Ball, mit ruhigen Beinen und fühlte mich gut. Dann hörten wir eine Weihnachtsgeschichte von Astrid Lindgren, wie Michel die Pastorenfrau 8 mal küsste. Wunderbar.

In der Schlussrunde wurden wir aufgefordert, in einem Wort zu sagen, was wir gerade fühlten oder dachten. Ich konnte einfach nur DANKE sagen. Mehr brauchte es für mich nicht. Eine schöne Therapiestunde zur Entspannung.

 

Fertigkeitentraining

Wie besprochen saß ich auf dem Sitzkeil. Keine gute Idee. Er verstärkte noch mein Bedürfnis nach korrekter Sitzhaltung. Heute war Thema: Welche Ressourcen haben ich, um gut über die Weihnachtstage zu kommen? Für einige kein leichtes Thema, da Weihnachten für sie keine gute Zeit ist. Meine Beine wackelten vor sich hin, meine Anspannung war hoch, doch konnte ich gut folgen. Ich erzählte wie sich unsere Weihnachtszeit verändert hat, wie wir sie unseren Bedürfnissen angepasst haben, das wir uns Zeit gönnen, Essen gehen und die Familienzeit genießen. Das ich mich auf meinen Sohn sehr freute. Als ich fertig war, gab A. mir eine richtig herzliche Rückmeldung, die mich erst einmal aus dem Schuh haute. Ich musste aufstehen und den Kreis verlassen. Ich brauchte eine Weile bis ich mich reguliert hatte. Später in der Runde wurde ich heftig getriggert, als die Worte Tod und Trauer fielen. Ich weiß nicht woher das kam, aber ich musste den Raum verlassen. Ich verließ den Raum, um mich im Flur zu regulieren. Ich lief den langen Flur entlang und suchte in Gedanken Tiere - 3 Tiere mit A, 3 Tiere mit B ... Es gelang mir mich zu beruhigen und wieder in die Gruppe zu gehen.

Nach der Stunde fragte ich A. ob ich sie mal umarmen durfte. Sie umarmte mich warm und herzlich. Wunderbar. Ein schönes Gefühl.

 

Einzeltherapie

Ich hatte den Ball mitgenommen, wie besprochen. In dieser Therapiestunde saß ich auf dem Ball. Es war für mich eine Erleichterung. Doch die Entscheidung bleibt bestehen. Ich darf den Ball in den Therapien nicht benutzen. Meine Therapeutin erklärte mir auch warum.

Trauma lenkt. Bestimmte Situationen rufen bestimmte Reaktionen hervor. Negative Erfahrungen hat das Gehirn gespeichert und dazu die entsprechenden Verhaltensweisen. Auch das Vermeiden. Das Gehirn muss lernen, dass diese Situationen im JETZT nicht die gleichen sind, wie die aus der Vergangenheit. Das lernt es aber nicht durch vermeiden. Der Ball ist reguliert von Außen und ist eine Vermeidung. Der Kopf lernt keine Verhaltensänderung. Es könnte dazu führen, dass ich zwar entspannter in der Gruppe bin, aber eben nur mit dem Ball. Aus diesem Grund ist für mich der Ball in den Therapie nicht zugelassen, so die Entscheidung der Therapeutenrunde. 

 

Rein logisch verstehe ich es. Aber in mir tobt ein Krieg. Ich wünschte mir, erst mal den Ball zu haben, um überhaupt ruhiger zu werden und in der Gruppe entspanntere Erfahrungen zu sammeln. So muss ich nun alles auf einmal. Ich muss mit meiner Anspannung auskommen, mit dem Druck dazu dass meine Beine wackeln, meine Anspannung selbst regulieren. Ich darf alle Skills ausprobieren und nutzen, darf die Gruppe verlassen um zu regulieren und auch die Therapeutin soll mich darauf hinweisen, wenn sie denkt es wird zu viel für mich. Ich fühle mich völlig überfordert. Warum nur, muss alles auf einmal sein. "Manchmal muss man in der Traumabehandlung richtig picksen, damit eine Veränderung passiert", meinte meine Therapeutin. Für mich bleibt es dabei, dass hier für mich sehr harte Bandagen genutzt werden, auf die ich überhaupt nicht vorbereitet war. Verstehen kann ich auch nicht, dass meine Therapeutin die Idee gut fand, aber nun sich der Therapeutenrunde anschließt. Ist so und ich kann es nicht ändern.

 

Sehr positiv war die Rückmeldung auf meine Selbstregulation im Fertigkeitentraining. Ich habe gut für mich gesorgt. Genau wie ich, war sie überrascht, dass ich den Therapeuten gebeten hatte, seine Sitzhaltung zu verändern. Ja, ich hatte es getan. Wow.

 

Um meine Glaubenssätze und damit meine Verhaltensweisen zu verändern, habe ich nun die Aufgabe jeden Tag 3 Diskriminationsübungen zu machen. Auch wenn es immer das Gleiche ist, vielleicht kommen ja doch auch noch andere Gedanken hinzu. Montag darf ich dann das erste Mal in die "Themenzentrierte Gruppe".

Was es sonst noch gab

Meine Gedanken und Angst jagen mich. Ich war so froh, dass meine Beine wenigstens in der Einzeltherapie in den letzten ambulanten Stunden ruhig waren. Jetzt aber davon auszugehen, dass dies auch in allen anderen Therapien funktioniert, ist für mich Wahnsinn. Was passiert, wenn ich das nicht schaffe? Werde ich dann entlassen? Ist dann eine Traumatherapie oder die Stabilisierung unmöglich? Ich weiß nicht wo mir der Kopf steht und ich bin nahe dem aufgeben.

 

Darüber hinaus bemerkte ich heute, dass ich selbst "nicht richtig ticke". Schlimm, wenn man selbst erkennt, wie völlig überspannt alte Glaubenssätze sind. Zum Glück kann ich einige selbst beherrschen. Dieses "sitz ordentlich", "sitz in angemessener Haltung, wir sind hier nicht zu Hause auf dem Sofa", "Sitzen sie ordentlich" ... lässt mich mir selbst gegenüber sehr hart sein, provoziert das beständige ordentliche sitzen und bringt unangenehme Gefühle, wenn sich andere gelassen und gemütlich auf einen Stuhl setzen. Ganz schön verdreht. 

 

Ich hatte heute Päckchen-Post. Einmal kam meine neue Tasche. Die ist echt obercool. Meine schöne Ankertasche funktioniert leider nicht. Die Rucksackbänder funktionieren nicht und sind zu kurz. Die Tasche funktioniert richtig gut und sie ist ein Traum, Strand, Leuchtturm und Emma die Möwe. 

Von Janina kam ein Päckchen, mit zwei dänischen Weihnachtsmäusen, Juleherzen und Juleherzenservietten. Ich war total geplättet. 

Mit ABC hatte ich heute nicht so viele Gespräche, weil ich nicht gesprächig war. Ich war nicht in der Lage. T. gab mir heute auch eine tolle Rückmeldung. Sie mag mich sehr und fühlt sich in meiner Gegenwart sicher und geborgen. Ich wünschte ich könnte das auch fühlen. Ich mag sie, aber ... Ich schenkte heute J. einen Eichel-Skill. Er war total erfreut und drückte mich dafür. Jesses, ich hatte doch nur einen Skill gegeben. Ich bin eine echt verspanntes Menschenkind.

 

Nun ist Wochenende. Ich freue mich auf Michael und meinen Sohn, auf gemeinsame Familienzeit.

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Kommentare: 2
  • #1

    Grauvogel (Sonntag, 23 Dezember 2018 22:42)

    Hallo Heike,

    mit einem Dachschaden hat man immer einen freien Blick auf die Sterne! �
    Bei den Sätzen "Was passiert, wenn ich das nicht schaffe? Werde ich dann entlassen?" dachte ich sofort an Glaubenssätze. Vielleicht wären das im Moment "gute Sätze" für eine Diskriminationsübung?
    Ich glaube, dass die einzige Person die von dir 100% Perfektion erwartet nicht die TherapeutInnen oder deine Mitpatientainnen sind, sondern nur du selber. Damit machst du dir selber massiv Druck. Aus dem was du schreibst entnehme ich, dass dich einige MitpatientInnen sehr mögen. Die haben dich doch auch schon "unperfekt" unter Hochspannung, mit wackelnden Beinen erlebt und trotzdem mögen und vor allem schätzen sie dich. Deine Beine stehen da nicht im Fokus. Du bist doch viel mehr als deine wackelnden Beine. Nur weil deine Beine wackeln, heißt es nicht das du weniger Wert bist als andere. Du meisterst die Gruppentherapien doch jetzt schon richtig gut!

    Ich weiß aus Erfahrung wie unangenehm es werden kann, wenn man so unruhig ist, dass es andere stört, gerade in der Imagination. Du machst es ja nicht mit Absicht. Selbst wenn es jemand als störend empfindet ist das blöd für alle, aber dann ist es halt einfach mal so. Jeder Mensch hat Schwächen, man sollte sich nur selber nicht darauf reduzieren. Sonst geht das ganz schnell immer weiter in die Abwärtsspirale.

    Ich wünsche dir ganz viel Kraft für die kommenden Wochen und ruhige Feiertage mit deinen Lieben!

    Ganz liebe Grüße,
    Grauvogel

    PS: Ich bin weiblich und auch schon ein bissel therapieerfahren ;)

  • #2

    Heike Pfennig (Dienstag, 25 Dezember 2018)

    Liebe Grauvogel,
    vielen DANK für deine lieben und bestärkenden Worte. Ich bin dir sehr dankbar dafür. Leider ist es so, dass nicht ich meine Beine unbedingt ruhig stellen möchte. Ich lebe seit 7 Jahren mit ihnen und für mich sind sie die schönste Nebensache der Welt. In meinem Umfeld stört es auch niemanden. Sie wackeln eben.
    Leider sehen das die Therapeuten hier in der Klinik anders. Sie möchten, dass meine Beine ruhig sind, da andere getriggert werden könnten und Therapeuten ja auch nur Menschen sind. Genau darin liegt aber mein Problem. Je mehr meine Beine im Fokus stehen, je mehr gerate ich unter Druck und je mehr wackeln sie. Deshalb bekomme ich auch Angst, dass sie mich entlassen. Ich kann nur geben, was ich kann. Ob die Beine nun wackeln oder nicht.
    Liebe Grüße Heike